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Abschied und Neubeginn - 67 Jahre Gemeindebrief

Sie halten in diesen Monaten die letzte Ausgabe des Gemeindebriefs der Ev. Christus-Kirchengemeinde Siegen in Händen. Ab Dezember wird Ihnen eine neue „Gemeindezeitung“ zugestellt werden, herausgegeben von der Ev. Lukas- Kirchengemeinde Siegen, die am 1. Januar 2022 aus der Taufe gehoben wird.
Wir nehmen dies zum Anlass, zurückzublicken auf 67 Jahre Zeitungsgeschichte - und damit auch ein Stück Gemeindegeschichte.

Die Anfänge
Am 1. Januar 1955 erschien der erste Gemeindebrief: Für den Westbezirk der Kirchengemeinde Siegen, die damals noch 12 Pfarrbezirke umfasste. Alfred Steup war (seit 1943) Inhaber der 4. Pfarrstelle. Sie erstreckte sich auf das Gebiet jenseits des Bahnhofs: Wellersberg, Hermelsbach, Numbach, Hang des Fischbacherbergs. Pastor Steup war es auch, der damit begann, jeden Monat einen Brief an die Gemeindeglieder zu schreiben. „Monatsgruß“ nannte er das Blatt, das von fleißigen Menschen aus der Gemeinde in die Häuser getragen wurde. Ein Blatt im wahrsten Sinne des Wortes: so groß wie die Seite eines Schulheftes, Vor - und Rückseite bedruckt. Von 1962 an umfasste der Monatsgruß 4 Seiten. Die Jahreslosung auf der Titelseite fiel sofort ins Auge. Die thematische Gliederung blieb. Die Informationen wurden ausführlicher, die grafische Gestaltung übersichtlicher, tonangebend war weiterhin die Andacht.

Alfred Steup war daran gelegen, das Evangelium - auch auf diese Weise - unter die Leute zu bringen. Und so begann er jeden Brief mit einer Andacht: der Auslegung des Monatsspruches, einem Wort aus der Bibel, und einem Vers aus dem Gesangbuch. Es folgten Hinweise auf die Gottesdienste und weitere Veranstaltungen der Gemeinde: „Die Zusammenkünfte der Gemeinde“. Zunächst jedoch unter der Überschrift: „Das Gemeindehaus Tiergartenstraße im Monat ...“ Da werden Erinnerungen wach an das Gebäude, in dem heute „Radio Siegen“ seinen Standort hat. Damals war hier - bis zur Fertigstellung des Melanchthonhauses - auch der Kindergarten beheimatet. Kaum vorstellbar, wie das möglich war in einem Raum: Kindergarten, Bibelstunde, Frauenhilfe, Konfirmandenunterricht, Gottesdienste - und welche Herausforderung für die Küstersleute! - Aber zurück zum „Monatsgruß“: Einladung in die Gemeinde. Darum ging es in der zweiten Rubrik des Briefes. Um Teilhabe und Anteilnahme im dritten Absatz: Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Geburtstage der über 70jährigen Gemeindeglieder. „Euer Pastor Alfred Steup“. So hat der langjährige (bis 1978) Gemeindepfarrer den Brief unterschrieben - so vertraulich bis 1969, danach grüßte er entsprechend dem sich wandelnden Zeitgeist mit „Ihr Pastor Alfred Steup“. Ein Hinweis durfte freilich nicht fehlen. Und der zieht sich - in abgewandelter Form - durch alle Ausgaben des Gemeindebriefes hindurch: die Bitte um finanzielle Unterstützung des Projektes: „Der Monatsgruß wird kostenlos in jedes Haus gebracht. Aber jeder ist herzlich bedankt, der durch eine Gabe die Arbeit mitträgt.“ Also kein persönlicher Brief im engeren Sinne, sondern ein persönlich gehaltener „Gemeindebrief“.

Die „Briefträger“
Und hier müssen nun auch die „Briefträger“ erwähnt werden, die Frauen und Männer - manchmal auch Jugendliche, die den Gruß überbracht haben „in jedes Haus“. Die haben das Schreiben nicht einfach in den Briefkasten geworfen, sondern geklingelt und persönlich überreicht - eine Büchse in der Hand. Sie ahnen schon: „jeder ist herzlich bedankt, der ...“. Das freilich gefiel nicht jedem.

So erzählt eine Briefträgerin, wie sie von einer Frau beim Hinhalten der Spendenbüchse an der Haustür lauthals mit den Worten empfangen worden sei: „Nein dafür geben wir nichts.“ Den Brief freilich hätte sie sich aushändigen lassen. Irritiert und etwas erschrocken sei sie mit ihrer Freundin - beide damals gerade mal 15 Jahre alt - davongeschlichen. Fast schon wieder am Haus vorbei, habe sich plötzlich ein Fenster im zweiten Stock geöffnet und jene Frau, die sie eben noch schroff abgewiesen hatte, habe sie herbeigewinkt und ihnen augenzwinkernd ein kleines Päckchen zugeworfen: eine Mark in Zeitungspapier gewickelt. Wie sie später erfuhren, hatte ihr barscher Auftritt an der Haustür nicht ihnen, sondern ihrem Mann gegolten, der mit Kirche „nichts am Hut haben“ wollte. Ob er den Monatsgruß trotzdem heimlich gelesen hat? Könnte sein.

Eigentlich schade, dass die „Gemeindebriefträger“ nicht mehr mit der Büchse in der Hand von Haus zu Haus gehen. Aber die Zeiten haben sich nun mal geändert. Wenn wir als Schüler genötigt waren, uns mit der Sammelbüchse vom Müttergenesungswerk an den Straßenrand zu stellen, hatte das immer auch was von Bettelei und war uns peinlich. Auch vielen Passanten war es unangenehm, auf diese Weise belästigt zu werden. Wenn Frau Walter hingegen (Ich habe ihren Namen geändert, weil sie nicht genannt werden will) mit dem Gemeindegruß und der Büchse in der Hand klingelte, dann wurde sie oft schon freudig begrüßt: „Kommen Sie rein, ich habe schon auf Sie gewartet.“ Und dann blieb es nicht bei einem „Guten Tag, wie geht es Ihnen?“ Nein, dann war das ein richtiger Besuch - mit einer Tasse Kaffee und manchmal auch mit einem Stück Kuchen. Es wurde erzählt, man tauschte Neuigkeiten aus. „Und manch eine klagte mir ihr Leid. Ich habe zugehört. Oft konnte ich gar nichts sagen, auch nicht weiterhelfen. Umso überraschter war ich dann, wenn die Frau mir beim Abschied sagte: Das hat mir gutgetan. - Und mir hat es auch gutgetan, dies von einem anderen gesagt zu bekommen.“ Das „Amt“ der „Briefträgerin“ habe sie von ihrer Mutter übernommen, erzählt Frau Walter. Sie sei noch jung gewesen damals und habe oft nicht viel Zeit gehabt. Und da sei es ihr auch manchmal lästig gewesen, wenn sich die Gespräche mit den Menschen im Verteilerbezirk so lange hingezogen hätten. Wo sie gewusst hätte: „Da kommst du vor einer Stunde nicht weg“, da habe sie es dann so eingerichtet, dass sie kurz vor Mittag hingegangen sei. Dann habe sie wenigstens eine Ausrede gehabt: „Ich muss jetzt leider gehen. Die Kinder kommen aus der Schule und wollen jetzt was zu essen haben. Bis zum nächsten Mal, Frau Schulze.“ Erstaunlich, was Medienforscher herausgefunden haben: „Man kann ... mit Fug und Recht sagen, die Gemeindebriefe sind die wahren publizistischen Riesen in der evangelischen Publizistik. Mit keinem anderen Medium, mit keiner anderen Äußerungsform der Kirche erreichen wir mehr Menschen als mit den Gemeindebriefen.“
Von Anfang an war der Gemeindebrief auch ein Mitteilungs- und Informationsblatt. Mehr noch: Es ging den Herausgebern um Transparenz. Was im Presbyterium verhandelt und beschlossen wurde, das sollte auch die Gemeinde erfahren.

Nord- und Südbezirk
Vom 1. Januar 1968 an gab es - statt einer großen Stadtgemeinde - auf Beschluss des Presbyteriums sechs evangelische Kirchengemeinden in Siegen. Der ehemalige Westbezirk wurde zum Nordbezirk der neu gebildeten Christus-Kirchengemeinde, der Bezirk Achenbach zum Südbezirk. Was den Gemeindegruß anbelangt, so änderte sich nur der Untertitel, der Name „Monatsgruß“ blieb. Den Namen wechselte das Mitteilungsblatt erst 1981. Fortan firmierte es unter dem Titel „Gemeindebrief“. Ein persönlicher Gruß mit Anrede setzt voraus, dass man einander kennt. Das konnte man im Blick auf das Verhältnis der Gemeindeglieder zueinander nicht mehr generell voraussetzen. „Monatsgruß“ hätte aber auch deshalb nicht mehr gepasst, weil das Blatt nun in einem Rhythmus von 2 Monaten erschien.

1988 wurden die Gemeindezeitungen der beiden Bezirke zusammengelegt. Michael Becker - damals Pfarrer des Südbezirks -schrieb im ersten ge-
meinsamen Gemeindebrief: „Nach langen Überlegungen hat das Presbyterium beschlossen, ... einen Gemeindebrief für die Gesamtgemeinde herauszugeben. Der leitende Gedanke war dabei, der Gemeindebrief solle nicht nur ein Mitteilungs- und Informationsorgan in den jeweiligen Bezirken, sondern auch ein Bindeglied zwischen Nord- und Südbezirk darstellen.“

Vom Gemeindebrief des Südbezirks war bisher noch nicht die Rede. Das hat seinen Grund allein in der Tatsache, dass davon im Archiv der Kirchengemeinde aus der Zeit vor 1968 leider kein Belegexemplar vorhanden ist. Cathrin Röcher kann sich jedoch daran erinnern, dass in ihrer Kindheit der alte Herr Haas, der Vater des damaligen Pfarrers der 9. Pfarrstelle der Ev. Kirchengemeinde Siegen, regelmäßig einen Packen Gemeindebriefe zur Weiterverteilung ins Haus gebracht hat. Das heißt: Wie Alfred Steup hat auch Ernst Haas offenbar schon sehr früh einen schriftlichen Gruß an die Gemeindeglieder in Achenbach, auf dem Heidenberg, dem Fischbacherberg, der Schemscheid und Im Eichert verteilen lassen.

Redaktionsteam
Den gemeinsamen Gemeindebrief haben damals die Pfarrer Ulrich Weiß sowie Michael Becker und Traute Herholz-Becker herausgegeben. Aber nicht allein. Verantwortlich war ein Redaktionskreis von zeitweise an die 10 Menschen: Frauen und Männer, „gestandene“ Gemeindeglieder, aber auch Jugendliche und Christen, die nicht zur sog. „Kerngemeinde“ gehörten. Diese Vielfalt spiegelte sich auch in Inhalt und Form des Gemeindebriefes wider. Piktogramme und Grafiken machten ihn attraktiver, die Technik machte im Laufe der Zeit auch die Aufnahme von Fotos möglich. Es wurde berichtet von Freizeiten, die Kandidatinnen und Kandidaten für die Presbyterwahl wurden vorgestellt. Kinder und Jugendliche bekamen „ihre“ Seite. Über die Bauvorhaben der Gemeinde auf dem Wellersberg und dem Fischbacherberg wurde ausführlich berichtet. Und in den 80er Jahren rückte die öffentliche Debatte zunehmend ins Blickfeld: Abrüstung und Frieden, Entwicklungspolitik und Umwelt. Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung. Dies wird nicht ohne Konflikte abgegangen sein. Die wurden aber nicht im Gemeindebrief ausgetragen, obgleich sich die Redaktion mehrfach darum bemüht hat, den Gemeindebrief auch zum Diskussionsforum für die Gemeinde zu machen.

Dass es ein differenziertes Verständnis vom Auftrag der Gemeinde und unterschiedliche Konzeptionen von Gemeindeaufbau bei den Verantwortlichen gegeben hat, zeigt sich in den Schwerpunkten, die im Veranstaltungsangebot der Bezirke gesetzt wurden: Evangelisation und Mission auf der einen und gesellschaftliche und politische Verantwortung auf der anderen Seite. Einig war man sich in der Orientierung am Worte Gottes. Theologische Grundsatztexte nehmen in dieser Zeit einen breiten Raum ein. Die Andacht erstreckt sich oft über 4 Seiten. Alles in allem vermitteln die Gemeindebriefe das Bild einer bunten Vielfalt, die freilich bisweilen auch ein wenig chaotisch wirkt. Gleichwohl haben der Redaktionskreis und die unverzichtbaren Menschen, die den Gemeindebrief vor Drucklegung „Korrektur lasen“ große Mühe auf Professionalität gelegt. Fehler konnten freilich auch in diesem Medium nicht immer vermieden werden. Das war gelegentlich sogar peinlich und ärgerlich. Im Nachherein kann man aber auch darüber meist lachen. So erzählt eine Frau, die dem Redaktionskreis angehörte, folgende Anekdote: „Von der Druckerei hatten wir den Korrekturabzug zur Durchsicht bekommen. Uns erschien es sinnvoll, auf die Verstorbenen in besonderer Weise aufmerksam zu machen. So notierten wir unter den Namen, die hier aufgelistet waren und hervorgehoben werden sollten, die Anweisung: „In Kasten“. Als wir den fertigen Gemeindebrief nicht ohne Stolz in Händen hielten, war das Erschrecken groß: Der Drucker hatte - statt der Anweisung zu folgen und einen Rahmen um die Namen zu ziehen - den Text übernommen: „In Kasten:“. Darunter wurden die Verstorbenen aufgelistet. ...“

Ein neues Design
Die äußere Gestalt des Gemeindebriefes wurde im Laufe der Zeit immer mal wieder dem sich wandelnden Geschmack angepasst, aber auch den Kriterien redaktioneller Arbeit und grafischer Gestaltung entsprechend verbessert. Im Dezember 2003 erschien der Gemeindebrief - gründlich überarbeitet von einer Designerin - in einem neuen Format mit farbigem Außenmantel und fester Struktur im Inneren. Das Format von 21 x 20 cm hat er bis heute beibehalten.

Gemeindebrief und digitale Medien
2010 wurde er noch einmal geringfügig überarbeitet. Seither erscheint der Gemeindebrief alle 3 Monate. - Die Medienlandschaft hat sich durch die digitalen Angebote und das Internet in erheblichem Maße verändert. Dem haben die Verantwortlichen auch in unserer Gemeinde Rechnung getragen durch die Einrichtung einer Homepage und eines wöchentlich erscheinenden Newsletters für die Kirchengemeinde. Diese Medien verkürzen und beschleunigen die Informationswege auch innerhalb der Gemeinde.
Den Gemeindebrief machen sie aber nicht überflüssig. Und dies nicht nur deshalb, weil einem nicht geringen Teil der Gemeinde der Zugang zu den digitalen Angeboten noch schwerfällt. Nein deshalb, weil der Gemeindebrief ein eigenes Gewicht hat.
„Monatsgruß“. So hieß unser Gemeindebrief bis 1988. Aber auch heute noch warten Menschen in der Gemeinde auf das „Blättchen“ wie auf einen Gruß. Einen Gruß mit der Botschaft: „Du bist nicht allein. Wir sind gemeinsam unterwegs.“ Im vergangenen Jahr noch haben wir das erlebt. Alles war dicht - wegen Corona. Lockdown: kein Gottesdienst in Präsenz, keine anderen Veranstaltungen, die Gruppen konnten sich nicht treffen. Schlimm genug. Und dann noch dies: „Wo bleibt denn der Gemeindebrief?“ - Im Redaktionskreis hatten wir uns darauf verständigt, die Sommerausgabe des Blattes wegfallen zu lassen. Es gab ja keine Termine, die anzukündigen waren. Edith Wargalla (damals noch nicht Mitglied im Team) hat sich zur Sprecherin der enttäuschten Gemeindeglieder gemacht und Pastor Prange angerufen: „Wie könnt ihr das nur machen? Habt ihr die Alten in der Gemeinde vergessen? Die müssen in dieser Zeit eh schon auf so viele Kontakte verzichten und da lasst ihr sie auch von der Gemeinde noch im Stich?“ Der Gemeindebrief als Bindeglied zwischen den Menschen in der Gemeinde. Das soll er auch bleiben.

Christoph Meyer

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   





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