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Für alle, die sonntags daheim bleiben müssen/möchten oder einen Impuls für die neue Woche benötigen, wollen wir an dieser Stelle einen Moment schaffen, um anzuhalten, nachzudenken und zu beten.

Sonntag, 20. September 2020

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Quelle:
https://kirchengemeinden.kirchenkreis-siegen.de/3/dateien_cms/podcast/2020-09-20andacht.mp3


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(Impuls: Prädikant Dirk Hermann, Orgel: Stefan Jud)


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Impuls am 20. September 2020

Liebe hörende Gemeinde,

in der vergangenen Woche feierten wir das 70-jährige Bestehen des Zentralrates der Juden in Deutschland. Zu Beginn der NS-Diktatur lebten hier rund 65 Millionen Menschen, nur etwa 450.000 von ihnen waren Juden. Die systematische Ausgrenzung, den Nazi-Terror und den industriellen Massenmord überlebten nur 15.000. Als einige Juden, deren Leben, Kultur und Familien zerstört worden waren, im Land der Täter den Zentralrat gründeten, ging es ihnen nicht um den Wiederaufbau jüdischen Lebens, sondern darum, das alltägliche Leid der Holocaustüberlebenden im Nachkriegsdeutschland zu lindern und sie bei der Ausreise nach Israel zu unterstützen. Jüdische Leben etablierte sich erst in den 1970-er Jahren wieder in Deutschland. Dass es dazu überhaupt kommen konnte, ist ein Grund, zu feiern. Leider trübt die Schamlosigkeit, mit der sich der Antisemitismus in Deutschland wieder zeigt, die Feierstimmung.

Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrates, bilanzierte in seiner Festansprache am vergangenen Mittwoch, dass in weiten Teilen der Bevölkerung jüdisches Leben in Deutschland als selbstverständlich angesehen wird. Aber bei rund 20% gibt es antijüdische Vorurteile und Ressentiments – und diese Quote ist seit Jahrzehnten relativ konstant. In den letzten Jahren veränderte sich allerdings, so Schuster, die Art, wie sich Vorurteile und Ressentiments ausdrücken – was man sich traut, zu sagen oder zu tun. Er beschrieb die aktuelle Situation mit einem Bild: in den 1940-er und 50-er Jahren saßen die Juden in Deutschland auf gepackten Koffern. In den folgenden Jahrzehnten packten sie diese Koffer aus. Angesichts der schlimmen antisemitischen Vorfälle, wie der Angriff auf die Synagoge in Halle, und der zahllosen kleinen Ausgrenzungen, die Juden regelmäßig in ihrem Alltag erfahren, sehen sie inzwischen nach, wo die Koffer verstaut sind.

Beim Festakt drückte Angela Merkel ihre persönliche Betroffenheit aus: „Es ist eine Schande und beschämt mich zutiefst, wie sich Rassismus und Antisemitismus in diesem Land in diesen Zeiten äußern. In den sozialen Medien triefen viele Äußerungen geradezu vor Hass und Hetze. Dazu dürfen wir niemals schweigen“. Und die Bundeskanzlerin brachte die aktuelle gesellschaftliche Herausforderung auf den Punkt: „Der Rechtsstaat darf keine Toleranz zeigen, wenn Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Hautfarbe angegriffen werden“. Frank Walter Steinmeier forderte erneut, dass es keine Verdrängung der NS-Geschichte geben dürfe, dass ein Schussstrich nicht zu ziehen sei. Vielmehr unterstrich der Bundespräsident, dass die Erinnerung ist keine Last; es ist eine Last, die Erinnerung zu leugnen, und betonte: „Unsere Bundesrepublik ist nur dann vollkommen bei sich, wenn Juden hier vollkommen sicher sind“.

Wir Christ*innen sollten in den Jüd*innen unsere älteren Geschwister sehen. Die Beziehungen zwischen Geschwistern sind nicht immer einfach. Da gibt es Zank und Streit, Missverständnisse und Zerwürfnisse, aber auch miteinander geteiltes Leben und Erinnerungen, vorbehaltloses Aufeinanderzugehen und Versöhnung, bedingungslose Solidarität und tiefe Liebe. Auch die Bibel, die uns Menschen zu allen Zeiten offen und ehrlich den Spiegel vorhält, verschweigt die Irrungen und Wirrungen des geschwisterlichen Miteinanders nicht. Ich denke an Kain und Abel, an Ismael und Isaak, an Esau und Jakob, an Lea und Rahel oder auch an Jesus und seine leiblichen Schwestern und Brüder. Die Heilige Schrift erzählt aber auch, dass Geschwister immer wieder Auswege aus den Sackgassen ihres Zusammenlebens finden, etwa bei Esau und Jakob. Jakob betrügt seinen Bruder auf das Heftigste. Jahrzehntelange Trennung scheint der einzige Schutz vor Mord und Todschlag. Aber die Verbindung der Zwillinge bleibt über Zeit und Entfernung bestehen. Als Jugendlicher hatte Jakob seinem Bruder den väterlichen Segen geraubt. Als erwachsene Männer mit großen Familien, die es zu Ansehen und Wohlstand gebracht haben, treffen sie sich wieder. Von Angst und Sorge geplagt, bereitet sich Jakob auf diese Begegnung vor. Völlig unbegründet – denn Esau läuft ihm entgegen, herzt, umarmt und küsst ihn.

Liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer, es ist höchste Zeit, dass wir Christ*innen die Jahrhunderte der Trennung, der Vorbehalte – ja und auch der Ausgrenzung und Diskriminierung – hinter uns lassen und auf unsere älteren jüdischen Geschwister zugehen, dass wir lernen, wie bereichernd und erhellend die jüdische Kultur für unser christliches Leben ist, dass wir anerkennen, wie nötig wir das Alte Testament begreifen müssen, um das Evangelium von Jesus Christus zu verstehen. Es ist der Jude Jesus von Nazareth, der uns von unseren jüdischen Geschwistern trennt und zugleich miteinander vereint. Unterschiedliche Glaubensauffassungen können nicht in Kompromissformeln aufgelöst oder im Gespräch einfach beiseitegeschoben werden. Und dennoch gilt: wir stehen als Schwestern und Brüder gemeinsam unter dem Segen Gottes.

Zum Schluss möchte ich Shoahüberlebende zu Wort kommen lassen. 2009 appellierten sie: „Nach unserer Befreiung schworen wir uns, für eine Welt des Friedens und der Freiheit einzutreten, um eine Wiederholung dieser unvergleichlichen Verbrechen zu verhindern. Es schmerzt und empört uns, dass die Welt so wenig aus unserer Geschichte gelernt hat. Als letzte Augenzeugen wenden wir uns an Deutschland und insbesondere an die junge Generation mit einer Bitte: setzt ihr unseren Kampf für eine friedliche, gerechte und tolerante Welt fort.

Ich bete mit Worten von Papst Johannes XXIII: Himmlischer Vater, wir erkennen heute, dass viele Jahrhunderte der Blindheit unsere Augen verhüllt haben, sodass wir die Schönheit deines auserwählten Volkes nicht mehr sehen und in seinem Gesicht nicht mehr die Züge unserer erstgeborenen Schwestern und Brüder wiedererkennen. Wir erkennen, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blut gelegen, das wir vergossen, er hat Tränen geweint, die wir verursacht haben, weil wir deine Liebe vergaßen. Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an den Namen der Juden hefteten. Vergib uns, dass wir dich in ihrem Fleische zum zweiten Mal ans Kreuz schlugen.
Amen

Einen gesegneten Sonntag und eine behütete Woche wünscht Dirk Hermann,
Ev. Christuskirchengemeinde Siegen – bleiben Sie gesund.

 

 

Download der letzten Andachten:

Sonntag, 13.09.2020
(Impuls: Prädikant Dirk Hermann, Orgel: Hans Werner Schnurr)

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Sonntag, 06.09.2020 
(Impuls: Pfr. Ralf Prange, Orgel: Hans Werner Schnurr)

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Sonntag, 30.8.2020 
(Impuls: Pfr. Ralf Prange, Drehleier: Jürgen Narbutt)

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Sonntag, 23.8.2020 
(Impuls: Pfr. Ralf Prange, Drehleier: Jürgen Narbutt, Orgel: Stefan Jud)

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Sonntag, 16.08.2020 
(Impuls: Prädikant Dirk Hermann, Klavier: Andrea Glenz)

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Sonntag, 02.08.2020 
(Impuls: Prädikant Ralf Prange, Orgel: Stefan Jud)

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Sonntag, 26.07.2020 
(Impuls: Prädikant Dirk Hermann, Orgel: Stefan Jud)

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Sonntag, 19.07.2020 
(Impuls: Prädikant Dirk Hermann, Orgel: Stefan Jud)

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Sonntag, 12.07.2020 
(Impuls: Prädikant Dirk Hermann, Orgel: Stefan Jud)

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Sonntag, 05.07.2020 
(Impuls: Prädikant Dirk Hermann, Orgel: Stefan Jud)

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Sonntag, 28.06.2020 
(Impuls: Prädikant Dirk Hermann, Orgel: Stefan Jud)

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Sonntag, 21.06.2020
(Impuls: Pfr. Ralf Prange, Klavier: Andrea Glenz)

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Sonntag, 14.06.2020
(Impuls: Pfr. Ralf Prange, Klavier: Andrea Glenz)

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Sonntag, 07.06.2020 
(Impuls: Pfr. Ralf Prange, Orgel: Hans Werner Schnurr, Drehleier: Jürgen Narbutt)

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Pfingstsonntag, 31.05.2020 
(Impuls: Pfr. Ralf Prange, Orgel: Hans Werner Schnurr, Drehleier: Jürgen Narbutt)

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Sonntag, 24.05.2020 
(Impuls: Pfr. Ralf Prange, Fürbitten: Lina und Johanna, Orgel: Stefan Jud)

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