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Weihnachten bei uns zu Hause

Heiligabend war für meine Geschwister und mich der aufregendste und schönste Tag des Jahres. Jedes Jahr, schon Anfang Dezember, stellte unsere einzige Tante - sie wohnte mit uns im Haus - ein sogenanntes PROGRAMM mit uns Kindern auf. Dieses PROGRAMM, es bestand aus Liedern, Gedichten, kleinen Flötenstücken und einem kurzen szenischen Spiel, musste bis Weihnachten „sitzen“, wie es immer hieß. Unsere Tante verabredete mit uns vor Weihnachten verschiedene Termine, an denen wir uns abends heimlich in ihrer Wohnung trafen, um zu üben. Das war immer sehr aufregend und spannend:
Die Liedertexte und Melodien wurden einstudiert, wobei „Tanti“ uns auf dem Harmonium begleitete. Die richtige Betonung der Gedichte war ein weiterer wichtiger Punkt, auf keinen Fall durfte geleiert werden.
Wieder und wieder wurden die Flötenstücke gespielt, bis unser kleiner Bruder schließlich annähernd das gleiche Tempo beim Flöten erreichte wie wir beiden Großen. Das Wichtigste für uns Kinder war jedoch das Theaterstück. Jedes Jahr erprobten wir unser schauspielerisches Talent an einer anderen Szene aus der Weihnachtsgeschichte. Besonders gut ist mir folgende Szene im Gedächtnis haften geblieben: Meine um vier Jahre ältere Schwester spielte den Engel, der den Hirten auf dem Feld die Geburt Jesu verkündigte. Sie stand da, in einem weißen Nachthemd, hatte ihre Arme weit ausgebreitet und trug ihr langes, rötlichblondes Haar, das sonst zu Zöpfen geflochten war, offen. Ein Reifen aus Goldpapier schmückte ihren Kopf. Für mich sah sie wahrhaft himmlisch aus, auch ohne Flügel. Wir Hirten hörten staunend ihre Botschaft. Mein Bruder mit einem grünen Lodenmäntelchen bekleidet, dazu Opas Hut und Stock, der Stock fast so hoch wie er selbst. Ich in einer Felljacke, mit einem Rucksack in der Hand und einem Steiff-Schaf unterm Arm. Dann kam unser Einsatz. Wir mussten nach Bethlehem gehen und an der Krippe jeder ein kleines Gedicht aufsagen.
Am 23. Dezember war jedes Jahr die mit Aufregung erwartete Generalprobe. Dazu machte sich unsere Tante mit uns Dreien auf den Weg zu einem alten, kinderlosen Ehepaar in unserer Straße, von denen einer an diesem Tag Geburtstag hatte. Dort spielten wir das ganze Programm vor und wussten, wenn beide Tränen in den Augen hatten, war es gut und schön gewesen. Hatte Manches nicht so gut geklappt wie erwartet, tröstete uns Tanti mit den Worten: „Wenn die Generalprobe nicht so gut klappt, wird die Aufführung meist besonders schön.“ Und das wurde sie auch. Jedes Jahr. Ob mit Pannen oder ohne: Unser Weihnachtspublikum, bestehend aus Vater, Mutter, zwei Omas und zwei Opas waren aufmerksame und dankbare Zuhörer, die mit Lob nicht sparten und uns Ansporn gaben, jedes Jahr wieder ein PROGRAMM auf die Beine zu stellen.
Dann erst, nach gelungener Aufführung, hatten wir Augen für unsere Geschenke, die zugedeckt auf dem Wohnzimmertisch lagen.

Später, mit über 90 Jahren, wurde unsere Tante ein Pflegefall. Oft, wenn ich sie besuchte, habe ich mit ihr über unsre schönen Weihnachtsfeiern mit dem PROGRAMM gesprochen, von den heimlichen Übungsterminen in ihrer Wohnung und der Generalprobe bei dem alten Ehepaar. Vieles, vor allem Dinge neueren Datums konnte sie nicht mehr behalten, aber an all das, wovon ich erzählt habe, erinnerte sie sich noch eine lange Zeit.
Sigrid Meyer

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