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„Und der Engel sprach zu ihnen:
Fürchtet euch nicht!“

Lukas 2,10

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

ich habe es erfahren: die Macht der Sprache kann sehr groß sein – im Guten wie im Schlechten.

Seit Monaten kann ich nicht mehr ohne Krücken laufen. Eine üble Knochenkrankheit begann damit, die Knochen des rechten Beines in Knienähe „anzunagen“. Knochennekrose: Da stirbt was ab. Da ist etwas morsch geworden. Die Stabilität der Architektur des Körpers ist radikal in Frage gestellt. Die Folge: Ich durfte das Bein sehr lange kaum belasten. Und da ich leidenschaftlich gerne zu Fuß unterwegs bin, habe ich harte Monate hinter mir. Und auch die Kirchengemeinde musste in vielerlei Hinsicht auf meine Arbeit verzichten. Auch wenn sich der Befund etwas verbessert hat, ist noch nicht ausgemacht, wann ich wieder ohne Schmerzen werde laufen können.

Ich erzähle Ihnen das nicht, um Sie mit meinem persönlichen Problem zu langweilen. Viele von Ihnen tragen ein schweres Päckchen – bestehend aus Krankheit oder Trauer oder Einsamkeit oder Sorge am Arbeitsplatz oder Streit in der Familie oder die Sorge um die Welt. Und dann packe ich noch eins drauf. Das ist nicht mein Plan.

Was dann? Ich habe es erfahren: Die Macht der Sprache kann sehr groß sein. Was ich damit meine? Ich bin in den letzten Monaten drei Ärzten begegnet, die mich zu untersuchen und zu behandeln hatten. Diese drei Männer sind gewiss in ihrer Fachlichkeit kompetent. Aber in einer Sache gab es einen großen Unterschied zwischen ihnen. Sie benutzten die Macht der Sprache jeweils ganz anders.

Der Radiologe stieß mich regelrecht in einen Strudel, der mich tiefer und tiefer in die Dunkelheit zog. Natürlich erwarten wir von guten Ärzten, dass sie uns die Wahrheit sagen und nichts von dem verschweigen, was sie in den MRT- und CT-Bildern zu sehen meinen. Aber der Radiologe machte es auf eine gelinde gesagt ungünstige Weise. Ratlos sei er und er könne sich keinen Reim auf diese Bilder machen, es könne alles Mögliche sein und ob das noch mal was werde, sei völlig ungewiss. „Tut mir leid, Herr van Doorn!“ Die Dynamik, die diese Rede auslöste, offenbarte etwas von der Macht der Sprache – zum Schlechten hin.

Ich bin sehr dankbar, dass ich auch das Gegenteil erfahren habe. Die beiden anderen Ärzte traten als Team auf. Chirurg der eine (ich bin stolz, einen solchen Schwager zu haben), Orthopäde der andere. Sie sahen sich die Bilder sehr lange an, diskutierten auf eine leise Weise, stellten sich Fragen. Einer wollte vom Anderen lernen. Das Ergebnis: Sie kamen nach einer sehr langen Zeit der Analyse zu einem möglichen Befund, der sehr viel Raum fürs Hoffen bietet. Und sie teilten mir in einer ruhigen Weise die vielen Möglichkeiten der Behandlung des Beines mit. Geduldig solle ich sein – aber ich müsse mich nicht fürchten. Geradezu beschwingt verließ ich die Klinik. Hoffnung wurde eingepflanzt.

Die Macht der Sprache! Diese Erfahrung – liebe Leserin, lieber Leser – ist mir zum Gleichnis geworden. Nur deshalb erzähle ich Ihnen meine Geschichte.

Wie gut es für uns ist, dass Gott mit einem nachdenklichen Arzt verglichen werden kann. Der Befund wird nicht schöngeredet. Die Welt und viele von uns befinden sich in vielerlei Hinsichten in einem kritischen Zustand. Alles scheint ungewiss und so dermaßen zerbrechlich zu sein. Aber Gott haut uns mit SEINER Sprache eben das nicht um die Ohren: „Ob das noch mal was wird?“

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ (Johannes 1,14a)

Weihnachten feiern wir das Fest der Sprache – zum Guten hin! Gottes tiefste Sehnsucht danach, dass es Menschen und Tieren und dem ganzen Kosmos am Ende einfach nur gut gehe, verleiblicht sich. Das Krippenkind kommt uns nahe. Jesus wurde geboren, auf dass wir Hoffnung bekommen. Und diese Hoffnung kapituliert selbst nicht vor der Tatsache, dass wir alle sterblich sind. Weihnachten feiern wir dieses von Gott kommende Wort: Fürchte dich nicht! Fürchtet euch nicht! Die Welt mag schwanken und taumeln. Deine Situation mag schwer zu ertragen sein. Deine Seele mag sich wüst und leer anfühlen – gepeitscht von chaotischen Stürmen der Angst. Durchsetzen wird sich das hinter den Worten „Fürchte dich nicht“ stehende Herzenswissen, dass uns nichts trennen kann von Gottes Liebe – weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass sie in der Weihnachtzeit 2018 ein Stückchen von dieser Gewissheit spüren. Möge die Sprache zum Guten eine Herberge in Ihrem Innersten finden – dann wird es uns mit mehr Gelassenheit gelingen, uns all den Aufgaben, die uns abverlangt werden, fröhlich zu stellen.

Ihr Ralph van Doorn