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„Ich bin gekommen, damit sie
das Leben in Fülle haben, überreich!“

Johannes 10, 10

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Da sitzt Charlie Brown, der bekannte , sympathische Verlierertyp mit seinem Haushund Snoopy an einem See. Mit einem Hauch von Wehmut wird ihm die Endlichkeit des Lebens bewusst: „Eines Tages werden wir alle sterben, Snoopy.“ Und Snoopy, der Lebenskünstler und Genießer, lässt den Betrachter der Szene stutzig werden: „Ja, aber an allen anderen Tagen nicht.“ Unweigerlich lenkt diese Aussage den Blick auf das Leben mit seiner wunderbaren Einmaligkeit, aber auch auf seine Verwundbarkeit, ja sogar Zerbrechlichkeit. Verwundbar oder zerbrechlich erscheint das Leben oft gerade dann, wenn wir uns stark, erfolgreich und angesehen fühlen. Wir besitzen nur begrenzte Möglichkeiten, darüber zu bestimmen, was in unserem Leben passiert. Und viel hängt davon ab, wie wir das, was uns widerfährt, einordnen und in Erinnerung behalten. Der unvorhersehbare Schicksalsschlag kann zu einem Leben in tiefer Verbitterung führen, aber auch zu einem Leben in Dankbarkeit. Im Alltag werden wohl die meisten von uns diese widersprüchlichen Haltungen mit vielen Schwankungen erleben.

Das gilt vielleicht auch für die Osterbotschaft der Bibel, wenn Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben, über-reich!“ (Johannes 10, 10). Damit meint Jesus nicht den Wohlstand, nicht den Kontostand, auch nicht einen besonderen Rang oder Macht über andere zu haben. Es geht um gegenseitige Achtsamkeit, Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung, selbst über den Tod hinaus. Mit einem Wort: ein erfülltes Leben trotz mancher unerfüllter Wünsche. Auch dann, wenn dem „Leben in Fülle“ ein gebrochenes Leben entgegensteht, das von Krankheit und Tod bedroht ist und von einem auf den anderen Augenblick erlöschen kann, so Dietrich Bonhoeffer, Pfarrer der Bekennenden Kirche im Widerstand gegen Nazi-Deutschland.

Aber ein erfülltes Leben? Wer will das nicht? Auf einer fernen Insel mit viel Geld und Luxus, bei schönem Wetter und leckerem Essen, zusammen mit netten Menschen? Alles mitnehmen, was geht, genießen, ausschöpfen und zugreifen. So vordergründig verstehen viele Zeitgenossen ein Leben in Fülle. Eine Haltung des „Immer mehr“ kann aber schnell an ihre Grenzen kommen, sogar an ihr Ende. Teilhaben an einem Leben in seiner Fülle können längst nicht alle Menschen rund um den Erdball, weil sie in Armut an der Grenze zum Tod leben. Sie haben Hunger, sind ohne Obdach, haben keine Schulen und keine Medizin für ihre Kinder, kein reines Wasser zu trinken, keine Arbeit. Statt zu verhindern, verursachen internationale Wirtschaftsverflechtungen wachsendes Elend in unserer globalisierten Welt. Aber auch die sog. reiche Welt ist in sich brüchig. Der viele Besitz und der massenhafte Konsum verdecken ein schleichendes Gefühl von Sinnlosigkeit, das sich in Anonymität, Vereinsamung und Entsolidarisierung, aber auch in Verarmung ausdrückt.

Dem allen entgegen steht die Osterbotschaft Jesu vom erfüllten Leben über den Tod hinaus, dem umfassenden Frieden Gottes, von dem die Bibel spricht. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben“, gilt aber nicht nur für einzelne oder bestimmte Gruppen, sondern für alle Menschen und das nicht nur an allen anderen Tagen, an die Snoopy denkt, sondern auch im Blick auf die Endlichkeit des Lebens, die Charly Brown in den Sinn kommt.

Reinhard Häußler

(Wir danken Reinhard Häußler aus der Kirchengemeinde Weidenau für die freundliche Überlassung dieser Andacht)