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Liebe Leserin, lieber Leser!

was sehen Sie, wenn Sie in den dunklen Tagen der Advents- und Weihnachtszeit unterwegs sind? Durchdringt Ihr Blick auf Kerzen, glitzernde Kugeln und flatterndes Lametta die Oberfläche – bis zu dem Punkt, an dem Sie Trost finden durch Gottes Licht, das mit der Geburt Jesu in die dunkle Welt gekommen ist und immer wieder kommen will? Ich wünsche Ihnen diesen tiefen Blick auf dieses Wunder Gottes. Weihnachten feiern wir dieses Unaussprechliche: Gott, der Vater, der All- mächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde kommt uns nahe. Gott genügt sich nicht selbst. Vielmehr will er eingehen in all die Not, von der viele Menschen auch unter uns betroffen sind. Gott selber will sich treffen lassen von all der Not, die Menschen an so vielen Orten und auf so viele grauenhafte Weisen umtreibt und quält. Gott geht ein in all die Dunkelheiten der Weltgeschichte und unserer persönlichen Geschichten, um uns genau in der Dunkelheit zärtlich ins Ohr zu flüstern: Fürchte dich nicht! Die Not, in der du steckst, ist nicht das letzte Wort, das über deinem Leben stehen wird!
Der Theologe Paul Tillich hat sein ganzes Leben damit gerungen, die Bibel und die theologische Tradition so auszulegen, dass Menschen von heute eine Chance haben, zu verstehen, worum es geht. Zu diesem Weg des Verstehens gehöre die Einsicht, dass viele zentrale kirchliche Begriffe und biblische Geschichten ihre ursprüngliche Strahl- kraft verloren hätten. Das mag ja stimmen: Menschen hören wieder und wieder die Weihnachtsgeschichte, gewöhnen sich an die vertrauten
Worte. Die Worte erleiden dann das Schicksal, dass sie beinahe zu vertraut klingen. Man meint, sie längst zu kennen. Dann kann es sich so anfühlen, als seien die Worte so abgenutzt wie der Mantel, den ich schon seit Jahrzehnten trage. Um den ursprünglichen Glanz der Worte wieder zu erahnen, will Tillich gerade zur Weihnachtszeit diese Geschichte erzählt wissen.
Paul Tillich schreibt:
„Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen erschien als Zeuge ein Mann, der eine Zeitlang in einem Grab eines jüdischen Friedhofs in Wilna gelebt hatte. Es war das einzige Versteck, wo er – und viele andere – leben konnten, nachdem sie der Gaskammer entronnen waren. Während dieser Zeit schrieb er Gedichte, und eines davon war die Beschreibung einer Geburt. In einem Grab, ganz in seiner Nähe, gebar eine jüdische Frau einen Sohn. Der 80jährige Totengräber, in ein Leichentuch gehüllt, half bei der Geburt. Als das neugeborene Kind seinen ersten Schrei ausstieß, betete der alte Mann: "Großer Gott, hast du endlich den Messias zu uns gesandt? Denn wer anders als nur der Messias selbst könnte in einem Grab geboren werden?" Drei Tage später sah der Dichter, wie das Kind die Tränen seiner Mutter trank, weil sie ihm keine Milch geben konnte.“
Tillich kommentiert das Erzählte: „Es ist in Vergessenheit geraten, dass die weihnachtliche Krippe der Ausdruck äußerster Armut und Not war, ehe sie zur Stätte wurde, an der die Engel erschienen und auf die der Stern hinführte.“
Was in Vergessenheit geriet, wartet darauf, erinnert zu werden. Weihnachten ist im Ursprung kein idyllisches Familienfest, das dazu genutzt wird, endlich mal wieder die ganze Familie zu versammeln. Natürlich ist es etwas Wunderbares, wenn an großen Tischen die Menschen, die einem wichtig sind, versammelt sind und gemeinsam Gutes gegessen und getrunken wird. Für die Bibel sind die großen Feste stets verbunden mit all dem, was den Leib satt und zufrieden macht. Traurig ist es aber doch, wenn der unglaubliche Anlass des Festes da- bei keine Rolle mehr spielt – und unsre Seelen dabei verhungern und verdursten.
Gott kommt in die tiefste Tiefe irdischer Not. Er macht unsre Not und die Not aller Kreaturen zu seiner eigenen Sache. ER reicht uns liebevoll die Hand und verspricht uns, einen Weg mit uns und mit allen Kreaturen einzuschlagen, der von Liebe und Vergebung und Gerechtigkeit geprägt ist. Gott sehnt sich danach, dass wir heute damit beginnen, nun auch seine Tränen zu trocknen, indem wir damit anfangen, die Tränen unserer Menschen-Brüder und Menschen-Schwestern wahrzunehmen. Auch und gerade die Tränen wahrzunehmen, die die Menschen neben uns sich gar nicht mehr zu weinen trauen.
Diese staunende Haltung Gott gegenüber führt uns durch Tränentäler. Denn im Vertrauen auf IHN verschließen wir unsre Sinne nicht mehr, um uns das Elend in uns, zwischen uns, um uns herum vom Leib zu halten. Dieses Vertrauen macht uns sensibel und befähigt uns, die Welt um uns herum und in der Ferne mit liebenden Augen anzuschauen.
Möge uns dieses Wunder geschenkt werden, so dass wir einstimmen können in die weihnachtlichen Worte: Ja, wir sahen seine Herrlichkeit...

Es grüßt Sie von Herzen
Ihr Ralph van Doorn

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